Agentic AI
Von Christian Synoradzki · Aktualisiert am
Agentic AI bezeichnet KI-Systeme, die eine Aufgabe selbstständig in Schritte zerlegen, dabei Werkzeuge nutzen und ihren nächsten Schritt aus dem Ergebnis des vorigen ableiten.
Der Begriff ist seit 2024 überall zu lesen. Er wird aber oft für Produkte benutzt, die gar nicht agentisch arbeiten. Wer KI im Unternehmen einführen will, sollte deshalb wissen, was dahintersteckt und wo die Grenze zu einfacher Automatisierung liegt.
Woher der Begriff stammt
„Agent“ ist in der KI-Forschung ein alter Begriff. Gemeint ist ein Programm, das seine Umgebung wahrnimmt und darin handelt. Neu ist, dass seit etwa 2023 große Sprachmodelle diese Rolle übernehmen. Sie können Text verstehen, Programme aufrufen und deren Antwort wieder lesen.
Das Wort „agentic“ hat sich als Sammelbegriff für solche Systeme durchgesetzt. Eine viel zitierte Einordnung stammt vom KI-Anbieter Anthropic. Im Beitrag „Building effective agents“ vom Dezember 2024 trennt er zwei Arten von Systemen. Workflows sind dort Systeme, bei denen Sprachmodelle und Werkzeuge über fest programmierte Wege gesteuert werden. Agenten sind Systeme, bei denen das Sprachmodell seinen Ablauf und den Einsatz von Werkzeugen selbst bestimmt.
Was Agentic AI genau tut
Ein agentisches System arbeitet in einer Schleife. Es bekommt ein Ziel, etwa „Prüfe alle offenen Rechnungen und erinnere säumige Kunden“. Dann plant es einen ersten Schritt, ruft dafür ein Werkzeug auf und liest das Ergebnis. Danach entscheidet es, was als Nächstes kommt. Das wiederholt sich, bis das Ziel erreicht ist oder das System eine Grenze erreicht.
Werkzeuge sind dabei alles, was sich über eine Schnittstelle ansprechen lässt: eine Datenbank, ein Kalender, ein Mailprogramm, eine Suche im Firmenwissen. Ohne Werkzeuge bleibt ein Sprachmodell ein reiner Textgenerator. Mit Werkzeugen kann es handeln.
Wichtig ist das Wort „selbstständig“. Bei Agentic AI legt kein Programmierer im Voraus fest, in welcher Reihenfolge welche Schritte kommen. Das Modell entscheidet das während der Arbeit.
Abgrenzung zu ähnlichen Begriffen
Workflow-Automatisierung: Hier läuft jeder Schritt nach einem festen Plan ab, zum Beispiel „Wenn eine Mail mit Rechnung kommt, speichere den Anhang und trage den Betrag ein“. Auch wenn an einer Stelle KI hilft, bestimmt der Plan den Weg. Das ist berechenbarer und meist günstiger.
KI-Agent: Das ist ein einzelnes Programm, das agentisch arbeitet. Agentic AI ist der Oberbegriff für die Arbeitsweise und für Systeme aus einem oder mehreren solchen Agenten.
Chatbot: Ein Chatbot führt ein Gespräch und antwortet. Er handelt in der Regel nicht in anderen Systemen. Ein Chatbot, der Antworten aus Ihren Dokumenten holt, nutzt Retrieval Augmented Generation, ist aber deshalb noch kein Agent.
Was das für Ihr Unternehmen bedeutet
Agentic AI lohnt sich bei Aufgaben, deren Ablauf sich nicht vorab festlegen lässt. Beispiele sind die Recherche über mehrere Quellen, das Sortieren unklarer Kundenanfragen oder das Abgleichen von Daten, die in verschiedenen Formaten vorliegen.
Für klar beschriebene Abläufe ist ein fester Workflow oft die bessere Wahl. Anthropic empfiehlt im genannten Beitrag ausdrücklich, mit der einfachsten Lösung zu beginnen und die Komplexität nur zu erhöhen, wenn es nötig ist. Diese Erfahrung teilen wir aus unseren Projekten.
Rechnen Sie außerdem mit Risiken. Ein Agent mit zu vielen Rechten kann echten Schaden anrichten, etwa Daten löschen oder falsche Mails verschicken. Die Sicherheitsorganisation OWASP führt dieses Risiko als „Excessive Agency“ in ihrer Liste der zehn wichtigsten Risiken für Sprachmodell-Anwendungen. Mehr dazu unter KI-Sicherheit.
Wenn Sie prüfen wollen, ob ein Agent für Ihren Ablauf passt, finden Sie Beispiele auf unserer Seite zu KI-Agenten.
Grenzen dessen, was man sicher weiß
Es gibt keine verbindliche Definition. Jeder Anbieter zieht die Grenze zwischen Workflow und Agent etwas anders. Das Marktforschungsunternehmen Gartner warnte im Juni 2025 vor „Agent Washing“, also dem Umetikettieren bestehender Produkte als Agenten. Gartner sagte im selben Zug voraus, dass bis Ende 2027 über 40 Prozent der Projekte mit Agentic AI eingestellt werden, wegen steigender Kosten, unklarem Nutzen oder fehlender Risikokontrolle.
Sicher ist: Agenten arbeiten heute zuverlässig bei klar begrenzten Aufgaben mit wenigen Werkzeugen. Je länger die Kette der Schritte, desto eher schleichen sich Fehler ein. Prognosen, wann Agenten ganze Stellen ersetzen, sind Vermutungen.
Häufig gestellte Fragen
Ist ein Chatbot schon Agentic AI?
Meist nicht. Ein Chatbot beantwortet Fragen. Agentic AI handelt: Sie ruft Programme auf, liest das Ergebnis und entscheidet danach selbst über den nächsten Schritt. Ein Chatbot, der nur aus einer Wissensdatenbank antwortet, ist keine agentische KI.
Brauche ich für Agentic AI eigene Software?
Nicht unbedingt. Viele Anbieter bieten Agenten in ihren Produkten an. Für Abläufe mit Ihren eigenen Systemen, etwa Warenwirtschaft oder Ticketsystem, braucht der Agent aber Zugriff über Schnittstellen. Diese Anbindung ist der eigentliche Aufwand.
Wie verhindere ich, dass ein Agent Fehler macht?
Ganz verhindern lässt sich das nicht. Sie begrenzen das Risiko, indem der Agent nur die Rechte bekommt, die er wirklich braucht, und ein Mensch wichtige Schritte freigibt, etwa Zahlungen oder Mails an Kunden.
Quellen
Siehe auch: KI-Sicherheit , Retrieval Augmented Generation (RAG) , Voice Agent
Sie möchten wissen, was das für Ihr Unternehmen bedeutet? Vereinbaren Sie ein kostenloses Beratungsgespräch.